Wenn gesundheitliche Ursachen ausgeschlossen werden können, wovon ich ausgehe, wenn ein Tierarzt bereits eingebunden wurde, dann würde ich dir dringend empfehlen einen Einzeltrainer (z. B. hier:
https://ibh-hundeschulen.org/,
https://trainieren-statt-dominieren.de/) zu kontaktieren. In gewissem Maß ist es normal das Welpen zwicken, da sie die Beißhemmung erst erlernen müssen, aber wenn ein Welpe dieses Verhalten unverhältnismäßig häufig sowie in hoher Intensität zeigt und es sich nicht unterbrechen lässt, dann steckt da mehr dahinter. Euer Zwerg scheint auf einem enorm hohen Erregungsniveau zu sein und den Stress im Körper nicht ausreichend abbauen zu können.
Ein Trainer vor Ort wird sich euren Tagesablauf ansehen, die Vorgeschichte des Hundes, wie mit dem Hund umgegangen wird, sich die Situationen ansehen die ihn triggern, auf Ursachenforschung gehen, usw. Das ist ein Gesamtbild, das sich aus einzelnen Puzzlestücken zusammensetzt, die sich gegenseitig beeinflussen und basierend darauf wird ein Trainings- und Managementplan erstellt. Es gibt kein Schema F bei dieser Thematik.
Lass dich bitte nicht verunsichern. Der Zug ist nicht abgefahren, wenn er erst 10 Wochen alt ist. Beisshemmung Artgenossen gegenüber lernen Welpen u. a. im Spiel mit anderen Welpen. Die Mensch-Hund Beisshemmung ist jedoch ein anderes Thema. Zu deiner Beruhigung. Mein Bub kam mit ca. 13 Wochen zu mir und war angstaggressiv. Ich sah aus wie ein Schweizer Käse. Ihn hat es damals schon getriggert (also das Verhalten ausgelöst) wenn man nur an ihm vorbeiging.
Was du nicht tun solltest: Ihn anschreien, körperlich "bedrohen", mit Wasser bespritzen, Gegenstände vor die Pfoten werfen, u. ä. Damit verschlimmerst du das Ganze noch mehr. Diese Einschüchterungsstrategie (= positive Strafe (etwas unangenehmes wird hinzugefügt)) funktioniert zwar bei manchen Welpen/Hunden, aber es gibt auch Hunde die sich nicht einschüchtern lassen und dann erst recht hochfahren. Unabhängig davon fördert es nicht gerade das Vertrauen deines Hundes in dich und kann sich dann auch an anderer Stelle "entladen" - die Stresshormone im Hundekörper lösen sich dadurch ja nicht in Luft auf.
Nachfolgendes sind nur allgemeine Tipps. Über das Internet kann man dir da ohne das Gesamtbild zu kennen keine Hilfestellung geben.
Was du tun kannst: Sorge dafür das er ausreichend Ruhe- und Schlafphasen bekommt, Welpen benötigten viel mehr Ruhephasen um alles verarbeiten zu können als adulte Hunde. Bei Welpen sind es ca. 20 Stunden. Biete ihm Dinge an damit er seinen Stress abbauen kann, wie Kauartikel, Kaffeeholzwurzel, Suchspiele, Dinge zerrupfen. Schnüffeln, Kauen, Schlecken und (Kartons) zerrupfen entspannt Hunde. Vorerst keine aufregenden Spiele (Balli werfen) oder Spiele die mit schnellen und hektischen Bewegungen verbunden sind. Verhindere im Vorfeld unterwünschte Verhaltensweisen, statt deinen Hund erst unerwünschtes Verhalten zeigen zu lassen und ihn dann auszuschimpfen. (Das muss ich so allgemein halten. Ein guter Trainer zeigt dir wie das geht.) Je aufgeregter dein Welpe ist, umso ruhiger sollte man bleiben. (Das dürfte euch derzeit vermutlich schwer fallen, da ihr noch keinen Lösungsstrategien habt. Das wird euch auch ein guter Trainer zeigen.)
Für draußen: Wenn er das Verhalten draußen zeigt, dann war der Spaziergang wahrscheinlich zu lang und/oder zu aufregend und der Zwerg ist überfordert. Beobachtet den Hund und wenn es zu stressig für ihn wird (
https://sprichhund.de/was-ein-stress/) geht wieder nach Hause. Es gibt eine Richtlinie (das ist kein Gesetz sondern nur eine Hilfestellung für Neuhundehalter) an der man sich orientieren kann. 5 Minuten pro Lebensmonat. D. h. bei euch sollten es in der Theorie max. 10 bis 15 Minuten je Gassirunde sein um den Welpen vor einer Überforderung zu schützen. Mit manchen Welpen kann man länger draußen bleiben, bei anderen wiederum muss es kürzer sein. Daher die Empfehlung mit dem Beobachten des Hundes. Der Ort wo ihr langgeht spielt auch eine Rolle. Je mehr Umweltreize vorhanden sind (viele Menschen, Autos, Roller, Radler, Skateboards, andere Hunde, usw.) um so schneller ist ein Welpe überfordert.
Für drinnen: Sobald er ansetzt, sofort die Interaktion ruhig mit ihm unterbrechen. D.h. wurde gerade mit ihm gespielt. Wird das Spiel sofort beendet. Ggf. aufstehen, wegdrehen, ein bis zwei Schritte weggehen. Reicht das nicht aus:
Wenn es wirklich so heftig ist wie es sich liest, dann besorgt euch ein Kindergitter für einen Türrahmen und sucht euch ein verbales Ankündigungssignal aus, das ihr dann für das Raum verlassen benutz: D. h. wenn der Zwerg anfängt aufzudrehen sagt ihr das Wort und verlasst danach sofort den Raum durch das Kindergitter und schließt es hinter euch. Wichtig ist die Ankündigung! So dass der Zwerg lernt, wenn das Wort kommt entzieht ihr euch. So kann er mit der Zeit lernen (insofern sein Stresslevel nicht zu hoch ist und er noch halbwegs denken kann), dass er sich "entscheiden" kann, dass Verhalten zu unterbrechen. Bitte das Ganze auch mit einem Kindergitter und nicht einfach eine Tür schließen. Das macht einen deutlichen Unterschied! Bei einer Tür kann der Welpe euch nicht mehr sehen und das ist nicht gut. Diese Variante ist jedoch wirklich nur für Welpen geeignet, die absolut nicht mehr ansprechbar sind und in "Raserei" verfallen. Es ist keine Standardvorgehensweise!
Üben sollte man das eigentlich auch nicht erst dann wenn ein Hund nicht mehr denken kann. Es ist im Grunde (untrainiert) eine Managementmaßnahme um zu verhindern, dass ein Welpe das Verhalten einübt.
Buchempfehlungen:
Stressfrei ins Hundeleben: Das Welpenprogramm, Leslie McDevitt
Nur Mut!: Starthilfe für ängstliche Welpen, Chrissi Schranz